Die Kathedrale von Reims von oben: ein einzigartiges Erlebnis

Die Kathedrale von Reims von oben: ein einzigartiges Erlebnis

Die Turme der Kathedrale Notre-Dame von Reims zu besteigen bedeutet, einen Teil des Bauwerks zu entdecken, den die meisten Besucher nie zu sehen bekommen. Die Fuhrung durch die oberen Bereiche enthullt die verborgene Seite des Gebaudes: einen in Frankreich einzigartigen Dachstuhl aus Stahlbeton, monumentale Skulpturen, die erst in 40 oder 80 Metern Hohe sichtbar werden, und ein Panorama, das von der Stadt uber die Champagner Hugel bis zur Ebene reicht.

Der Zugang ist ausschliesslich im Rahmen einer kommentierten Fuhrung moglich, geleitet von einem Fuhrer des Centre des monuments nationaux. Der Aufstieg fuhrt uber eine Wendeltreppe mit 249 Stufen im Sudturm, dann uber die Plattform, den Dachboden und die Dacher, bevor es auf demselben Weg zuruckgeht.

Der Sudturm: 249 Stufen und zwei grosse Glocken

Die Wendeltreppe im Sudturm fuhrt zur Plattform zwischen den beiden Turmen, auf uber 80 Metern Hohe. Die Turme blieben unvollendet: Ein Brand im Jahr 1481 verhinderte den Bau der Turmspitzen, die sie auf etwa 120 Meter gebracht hatten.

Wenn man im Glockenturm nach oben blickt, erkennt man die beiden grossen Bronzeglocken, die nach ihrem Paten oder ihrer Patin benannt sind:

  • Charlotte: 1570 von Kardinal Charles de Lorraine, Erzbischof von Reims, gestiftet. Fast 10 Tonnen schwer, 2,5 Meter Durchmesser, sie erzeugt ein F.
  • Marie: 1849 gegossen. Fast 7 Tonnen, 2,2 Meter Durchmesser.

Die Glocken sind in einen Holzrahmen eingebettet, der die Vibrationen dampft und den Stein schutzt.

Die Plattform: Labyrinth, Gloria-Galerie und die Taufe Chlodwigs

Das rekonstruierte Labyrinth

Seit 2019 bildet der Boden der Terrasse zwischen den beiden Turmen das mittelalterliche Labyrinth nach, das sich einst im Pflaster des Kirchenschiffs befand. Es stammte aus dem 13. Jahrhundert und wurde 1779 von den Domherren zerstort, die sich daran storten, dass Kinder wahrend der Gottesdienste darauf spielten.

Sein achteckiges Muster enthielt vier kleine Saulen, in denen der Uberlieferung nach die vier Architekten der Kathedrale dargestellt waren. Dieser Grundriss inspirierte das Logo der Monuments Historiques, das noch heute verwendet wird.

Die Gloria-Galerie

Von der Plattform aus gelangt man zur Gloria-Galerie am Fuss der Konigsgalerie, auf halber Hohe der Westfassade (etwa 40 Meter). Ihr Name stammt vom Hymnus Gloria, laus et honor, der von den Chorknaben von dieser Galerie aus wahrend der Palmsonntags-Prozession gesungen wurde, bevor die Turen zur Messe geoffnet wurden. Die Balustrade tragt gemeisselte Engel mit Reliquiaren auf ihren Schleiern.

Die Taufe Chlodwigs und die 58 Konige

Die Konigsgalerie erstreckt sich uber drei Seiten der Fassade mit einem Zug von 58 Konigsstatuen, die eine zentrale Gruppe von 5 Figuren umrahmen: die Taufe Chlodwigs durch Bischof Remigius, mit der Taube, die die Heilige Ampulle tragt, Konigin Chlothilde und zwei Begleiter. Insgesamt 63 Kalksteinstatuen, jede etwa 8 Tonnen schwer und 4,60 Meter hoch. Die bartig und gekronten Konige halten Zepter und konigliche Insignien.

Die meisten heute sichtbaren Statuen sind nicht die mittelalterlichen Originale. Sie wurden bei aufeinanderfolgenden Restaurierungen im 19. Jahrhundert ersetzt, dann in den 1950er Jahren durch zeitgenossische Neuinterpretationen des Bildhauers Paul Belmondo.

Diese Galerie erinnert an die grundlegende Verbindung zwischen Reims und der franzosischen Monarchie: 31 Konige Frankreichs empfingen hier die Kronungssalbung, von Ludwig dem Frommen im Jahr 816 bis Karl X. im Jahr 1825.

Der Nordturm: Spuren von 1914

Der Nordturm bewahrt die Narben der Katastrophe vom 19. September 1914. An diesem Tag setzte eine Brandgranate das Holzgerust in Brand, das den damals in Restaurierung befindlichen Turm umgab. Das Feuer zerstorte den mittelalterlichen Dachstuhl und brachte die meisten Glocken zum Schmelzen. Insgesamt erlitt die Kathedrale im Laufe des Krieges uber 400 Bombardierungen.

Drei Glocken uberlebten als einzige Zeugnisse der Glockengiesserkunst vor 1914. Die grosste, Antoinette, wiegt etwa 2 Tonnen. Sie tragt den Namen des Erzbischofs Antoine de Latil, der sie 1825 taufte.

Man sieht dort auch Konigsstatuen aus den Restaurierungen der 1950er Jahre. Ihr Stil unterscheidet sich von den Originalen: tiefere Falten, reduzierte Proportionen. Sie waren fur die Konigsgalerie bestimmt, verblieben aber letztlich im Turm.

Der Dachboden: Henri Deneux‘ Stahlbeton-Dachstuhl

Der Verlust des mittelalterlichen „Waldes“

Vor 1914 beherbergte der Dachboden einen holzernen Dachstuhl aus dem 15. Jahrhundert (der ursprungliche Dachstuhl aus dem 13. Jahrhundert war bereits 1481 verbrannt). Der Brand vom 19. September 1914 zerstorte 1.800 Tonnen Eichenbalken und brachte die 400 Tonnen Blei der Dacheindeckung zum Schmelzen. Das Ereignis wurde als das „Verbrechen von Reims“ bekannt.

Deneux und Rockefeller: ein aussergewohnlicher Wiederaufbau

Zwei Manner machten den Wiederaufbau moglich:

  • John D. Rockefeller Jr. (1874-1960), amerikanischer Philanthrop. Seine Spenden deckten etwa 37 % der Gesamtkosten. Seine einzige Bedingung: die Wiederherstellung des mit Lilien verzierten Firstkamms, der wahrend der Franzosischen Revolution zerstort worden war. Eine Gedenktafel am Eingang des Dachbodens erinnert an seine Grosszugigkeit.
  • Henri Deneux (1871-1965), Chefarchitekt der Monuments historiques, seit 1915 fur die Kathedrale zustandig. Als Spezialist fur historische Dachstuhle liess er sich von einer Technik aus dem 16. Jahrhundert und dem vom Reimser Ingenieur Cottancin 1889 entwickelten armierten Zement inspirieren.

Ein „Meccano“ aus Stahlbeton

Der Holzmangel der Nachkriegszeit zwang Deneux zur Innovation. Er entwarf einen Dachstuhl aus kleinen vorgefertigten Elementen aus armiertem Zement, die mittels Zapfenverbindungen und Holzkeilen zusammengesetzt wurden. Die leichten und einfach zu transportierenden Teile fugten sich wie ein Baukasten zusammen. Auf einigen Teilen sind noch heute die eingepragten Montagenummern zu sehen.

Deneux testete sein System zunachst an der Kirche Saint-Jacques und der Basilika Saint-Remi in Reims ab 1920. Der Dachstuhl des Kirchenschiffs der Kathedrale wurde zwischen 1924 und 1926 wiederaufgebaut. Das Gebaude wurde 1927 dem Gottesdienst zuruckgegeben, die offizielle Einweihung fand jedoch erst am 10. Juli 1938 statt.

Die Vorteile dieses Dachstuhls: Er ist feuerfest, leicht, bei Bedarf demontierbar und kostengunstig. Er bietet einen weiten Innenraum in Spitzbogenform, der 19 Meter uber den Gewolben aufragt.

Die Kreuzrippengewolbe von oben

Beim Gang uber den Dachboden auf dem Steg wandert man direkt uber den Gewolben des Kirchenschiffs. An einigen Stellen ermoglichen Offnungen einen Blick auf die Kreuzrippengewolbe aus dem 13. Jahrhundert von oben: zwei Spitzbogen aus Kalkstein, die sich am ringformigen Schlussstein kreuzen, 38 Meter uber dem Boden des Kirchenschiffs. Diese architektonische Erfindung ermoglichte es, das Gewicht auf die Pfeiler statt auf die Mauern zu ubertragen und so die grossen Fenster zu offnen, die fur die Gotik charakteristisch sind.

An der Vierung des Querschiffs tragt der Dachstuhl das Glockenspiel: einen Satz von 14 Glocken, bekront von einer vergoldeten Bleikugel, einer Kopie des 1914 zerstorten Originals aus dem 18. Jahrhundert.

Die Dacher und der Aussenrundgang

Die Bleieindeckung und der Firstkamm

Eine kleine Tur fuhrt hinaus in die Dachrinnen am Fuss des Dachs, auf Hohe des sudlichen Querhausarms. Die Bleieindeckung wurde von Deneux originalgetreu wiederhergestellt: Er rettete 250 Tonnen des 1914 geschmolzenen Bleis und fugte 190 Tonnen hinzu.

Der Firstkamm am Dachfirst wechselt zwischen Dreiblattern und Lilien. Diese Verzierungen erinnern an die konigliche Funktion der Kronungskathedrale. Ihre Grosse uberrascht aus der Nahe: mindestens 0,80 Meter fur die Dreiblatter und 1,40 Meter fur die Lilien. Von Rockefeller finanziert, stellt dieser Kamm denjenigen wieder her, der wahrend der Revolution eingeschmolzen worden war.

Der Sudgiebel: Mariae Himmelfahrt und der Schutze

Der Giebel des sudlichen Querhausarms zeigt ein Hochrelief der Himmelfahrt Mariens: Maria, verschleiert und mit gefalteten Handen, steigt zum Himmel auf, umgeben von Engeln, ihr Korper von Flammen umstrahlt. 1502 erneuert, zeigt dieses Relief absichtlich ubertriebene Proportionen, da die Szene dafur konzipiert war, vom Boden aus gelesen zu werden.

An der Spitze des Giebels steht eine Schutzen-Statue: ein Mann mit Pferdekorper, der einen Pfeil abschiesst. An dieser Stelle stand einst ein Bronzehirsch, im 12. Jahrhundert von den Domherren als Symbol der bischoflichen Macht aufgestellt. Die beiden Skulpturen veranschaulichten die Spannungen zwischen dem Erzbischof und dem Domkapitel.

Der Nordgiebel: die Verkundigung

Der Nordgiebel zeigt die Verkundigung: Der Erzengel Gabriel verkundet Maria die Geburt Jesu, der aus einer Wolke hervorgehend und eine Weltkugel haltend dargestellt ist. Lilien, sowohl marianisches als auch konigliches Symbol, sind allgegenwartig. Dieses Dekor bildet das Gegenstuck zur Himmelfahrt auf der Sudseite.

Das verborgene Bestiarium

Entlang der Dacher entdeckt man Skulpturen, die vom Boden aus normalerweise unsichtbar sind. Wasserspeier leiten das Regenwasser in Gestalt fantastischer Wesen ab. Auf den Zinnen wechseln sich Adler und Mischwesen ab (geflugelten Lowen). Maskarone und kleine mittelalterliche Kopfe zieren die Bogenansatze. Auf den Gesimsen liessen die Restaurierungshandwerker der Nachkriegszeit ihrer Fantasie freien Lauf: Man findet dort eine saugende Bache, eine Frau, die auf einer Bratpfanne sitzt, und andere ratselhafte Figuren.

Der Engel-Glockenturm: hochster Punkt der Kathedrale

Uber der Apsis ragt der Glockenturm etwa 87 Meter hoch auf. An seiner Spitze uberblickt die Engel-Wetterfahne die Stadt. 1,90 Meter hoch und aus vergoldetem Metall gefertigt, diente sie im Mittelalter Pilgern und Reisenden als Orientierungspunkt.

Sieben mannliche Figuren, sogenannte Atlanten, scheinen die Turmspitze auf ihren Schultern zu tragen. Es handelt sich um satirische Darstellungen Reimser Burger des 15. Jahrhunderts, die nach dem Brand von 1481 gemeisselt wurden, der die vorherige Turmspitze zerstort hatte.

Die originale Engelsstatue wurde 1860 abgenommen und befindet sich heute im Palais du Tau, dem Museum neben der Kathedrale. Nicht zu verwechseln mit dem Lachelnden Engel, der beruhmtesten Skulptur der Fassade am Nordportal.

Das Panorama von den oberen Bereichen

Von der Plattform und den Dachern schweift der Blick in alle Richtungen:

  • Nach Westen: Die Avenue Libergier erstreckt sich vom Vorplatz zur Vesle. Man erkennt die Mediathek Jean-Falala (Jean-Paul Viguier, 2003), die Oper (Alphonse Gosset, 1873), die Kirche Saint-Jacques (13. Jahrhundert) und das Museum der Schonen Kunste in der ehemaligen Abtei Saint-Denis.
  • Nach Suden: das Palais du Tau, ehemalige Residenz der Erzbischofe, und die Art-Deco-Bibliothek Carnegie (Max Sainsaulieu, 1921-1927). Weiter entfernt die Basilika Saint-Remi und die Butte Saint-Nicaise. Die Montagne de Reims und ihre UNESCO-geschutzten Weinberghange schliessen den Horizont.
  • Nach Norden: das ehemalige Domherrenviertel, dessen Strassenverlauf die Erinnerung daran bewahrt. Die Place Royale (1757-1765) mit ihrer Statue Ludwigs XV. Das Musee-Hotel Le Vergeur mit seinen 3 Renaissance-Giebeln am Place du Forum. Das Rathaus am Place Simone Veil.
  • Nach Osten: Der Glockenturm der Kirche Saint-Andre erreicht 88 Meter und rivalisiert mit den 87 Metern der Engel-Wetterfahne der Kathedrale.

Besuch im Palais du Tau fortsetzen

Das Palais du Tau, nur wenige Schritte von der Kathedrale entfernt, bewahrt mehrere Werke aus den oberen Bereichen:

  • Die originale Engel-Wetterfahne vom Glockenturm
  • Ein Atlant vom Gesims der Apsis
  • Eine Konigsstatue aus der Konigsgalerie
  • Wasserspeier mit Zungen aus erstarrtem Blei vom Brand 1914: Das geschmolzene Blei folgte dem Weg, den normalerweise das Regenwasser zur Entwasserung nimmt
  • Holzmodelle von Henri Deneux, die beim Entwurf des Dachstuhls verwendet wurden

Das Museum zeigt auch die Schatze der koniglichen Kronung (Regalien) und beherbergt eine Sammlung monumentaler Wandteppiche. Es ist zusammen mit der Kathedrale und der Basilika Saint-Remi als UNESCO-Welterbe eingetragen.

Praktische Informationen zur Turmbesichtigung

Zugang und Reservierung

  • Art der Besichtigung: Nur als kommentierte Fuhrung, geleitet von einem Mitarbeiter des Centre des monuments nationaux.
  • Dauer: etwa 1 Stunde.
  • Gruppengrosse: maximal 18 Personen pro Zeitfenster.
  • Reservierung: unbedingt erforderlich, in der Hochsaison zwei bis drei Monate im Voraus. Die Fuhrung ist sehr gefragt.
  • Treppe: 249 Wendelstufen, kein Aufzug.
  • Barrierefreiheit: Nicht zuganglich fur Personen mit eingeschrankter Mobilitat. Bei Hohenangst nicht empfohlen.

Saison und Offnungszeiten

Die Turmbesichtigung ist nur bei gunstigen Wetterbedingungen moglich. Sie kann bei Hitzewelle, starkem Regen, Schnee oder Glatteis abgesagt werden.

  • 9. September bis 15. November und 15. Februar bis 5. Mai: Dienstag bis Freitag um 10, 11, 14 und 15 Uhr; Samstag um 10, 11, 14, 15 und 16 Uhr; Sonntag um 14, 15 und 16 Uhr.
  • 6. Mai bis 8. September: Dienstag bis Samstag um 10, 11, 14, 15, 16 und 17 Uhr; Sonntag um 14, 15, 16 und 17 Uhr.
  • Geschlossen: Montags, am 1. Mai, vormittags an Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag sowie vom 16. November bis 14. Februar.

Preise

  • Voller Preis: 9 Euro.
  • Gruppen (ab 20 Personen): 7,50 Euro.
  • Kostenlos: unter 18 Jahren. Kostenlos fur EU-Staatsangehorige und -Einwohner im Alter von 18 bis 25 Jahren.

Kontakt

Tours de la Cathedrale de Reims, Place du Cardinal Lucon, 51100 Reims.
Tel.: +33 3 26 47 81 79
Website: www.cathedrale-reims.fr

Die Kathedrale selbst ist das ganze Jahr uber frei und kostenlos zuganglich (ausserhalb der Gottesdienste). Nur die oberen Bereiche erfordern eine kostenpflichtige, vorab gebuchte Fuhrung.